Wie sind der Nationalsozialismus und der Holocaust im deutschen Familiengedächtnis repräsentiert? 

Stellen Erinnerungsgemeinschaften wie die Familie ein anderes Geschichtsbewusstsein, andere Bilder über die Vergangenheit und, vor allem, andere Rahmen für ihre Deutung bereit als das „kulturelle Gedächtnis“? 

Harald Welzer, Karoline Tschuggnall, Sabine Moller: Opa war kein Nazi, Fischer 2002:

Auf der Ebene emotionaler Erinnerungen scheinen sich Bindungskräfte und Faszinosa gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit entfalten und erhalten zu können, die merkwürdig unverbunden mit dem Wissen über diese Zeit sind, und zwar über die Generationen hinweg. Metaphorisch gesprochen, existiert neben einem wissensbasierten „Lexikon“ der nationalsozialistischen Vergangenheit ein weiteres, emotional bedeutenderes Referenzsystem für die Interpretation dieser Vergangenheit: eines, zu dem konkrete Personen - Eltern, Großeltern, Verwandte - ebenso gehören wie Briefe, Fotos und persönliche Dokumente aus der Familiengeschichte. Dieses „Album“ vom „Dritten Reich“ ist mit Krieg und Heldentum, Leiden, Verzicht und Opferbereitschaft, Faszination und Größenphantasien bebildert, und nicht, wie das „Lexikon“, mit Verbrechen, Ausgrenzung und Vernichtung. 

Da, wie Raul Hilberg einmal formuliert hat, der Holocaust in Deutschland Familiengeschichte ist, stehen „Lexikon“ und „Album“ gleichsam nebeneinander im Wohnzimmerregal, und die Familienmitglieder haben die gemeinsame Aufgabe, die sich widersprechenden Inhalte beider Bücher in Deckung zu bringen. Diese Aufgabe wird meist dadurch gelöst, dass den Eltern bzw. Großeltern eine Rolle zugewiesen wird, die sie von dem ausnimmt, was im „Lexikon“ aufgelistet ist. Ein Medium für die Verfertigung der Vergangenheit (neben vielen anderen) ist das familiäre Gespräch, in dem en passant Geschichtsbilder entworfen und gesichert werden, mit denen alle Familienmitglieder leben können. (…)

Die Ergebnisse unseres Projektes zeigen, dass die Tradierung von Vergangenheitsvorstellungen und -bildern im Familiengespräch und im weiteren sozialen Umfeld offensichtlich den Rahmen dafür bereitstellt, wie das gelernte Geschichtswissen gedeutet und gebraucht wird. In diesem Sinne werfen die Ergebnisse vor allem Licht darauf, wieso Aufklärungsprogramme über die NS-Vergangenheit gegen das Fortdauern romantischer und verklärter Vorstellungen über eben diese Vergangenheit selbst dann nichts ausrichten, wenn sie funktionieren. Denn Umfrageergebnisse lassen ja kaum Zweifel daran aufkommen, dass insbesondere die jüngeren Generationen umfassend über die Geschichte des „Dritten Reiches“ und über den Holocaust informiert sind. Aber was besagt das darüber, welchen Gebrauch man von diesem Wissen macht? 

Paradoxerweise scheint es gerade die gelungene Aufklärung über die Verbrechen der Vergangenheit zu sein, die bei den Kindern und Enkeln das Bedürfnis erzeugt, die Eltern und Großeltern im nationalsozialistischen Universum des Grauens so zu platzieren, dass von diesem Grauen kein Schatten auf sie fällt.