Ich bin meinem Opa selbst nie begegnet. Er wurde mir als liebevoller, gewaltfreier, kriegsfürchtender Mensch erzählt. Diesem Menschen wollte ich in der Auseinandersetzungen mit seinen Tonbandaufnahmen begegnen. Im Laufe der Recherche geriet Sichergeglaubtes ins Wanken. Einige Fakten zu seiner Kriegsbeteiligung, die wir aus den Archiven erhalten haben, stehen im Widerspruch zu unserem Familiennarrativ, zu dem, was wir bisher zu wissen glaubten. Sicher ist, dass er Teil einer mörderischen Maschinerie war, der SS-Division Totenkopf. Mein Vater und ich wissen nun genauer, welche unermesslichen Verbrechen an der Menschlichkeit die Einheiten der SS im zweiten Weltkrieg an der Ostfront begangen haben. Mit welchen Menschen muss mein Opa zusammen gewesen sein? Was hat er selbst getan?!
Vielleicht ist die Ungewissheit das Schlimmste.
Ich bin immer noch hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, einen Menschen zu schützen, der mir immer als ehrenwert, ehrlich und Vorbild in der Ablehnung allen Krieges nahe gebracht worden war und der Angst, seine Taten zu relativieren oder nicht sehen zu wollen. Schwarz und Weiß verschwimmen. Es bleibt ein Hadern, ein Zerissensein. Eine große Widersprüchlichkeit. Vielleicht geht es in der Auseinandersetzung mit unserer, mit der deutschen Vergangenheit darum: diese Widersprüchlichkeit genau anzuschauen und sie auszuhalten.
(Alexandra, Dezember 2021)